Motorensound im Wind

DOPPELSCHLAG Erstmals in der mehr als 70-jährigen Geschichte stellt Ferrari zwei neue Modelle miteinander vor: Vom F8 Tributo und vom 812 Superfast gibt es nun auch je eine Cabrioversion, Spider und GTS genannt.

So fulminant beginnt selbst in Maranello und Fiorano (beide I) nicht jede Woche: Montagmorgen, zehn Uhr im Ferrari-Epizentrum – und schon stehen zwei Cabrio-Neuheiten auf der Bühne der Öffentlichkeit. Euphorisch präsentierte Enrico Galliera, Vertriebs- und Marketingchef von Ferrari, im neuen Muse-um Universo Ferrari (s. Box) zu Beginn der zweiten Septemberwoche zwei neue Karosserievarianten – in flüssigem, aber unverkennbar italienisch geprägtem Englisch. Während man die eine Neuheit, den F8 Spider, nach der vor kurzem erfolgten Lancierung des Coupés F8 Tributo (AR 36/2019) erwarten konnte, ist die Einführung des zweiten neuen Modells überraschend: In einer Cabrioversion gibt es nun auch das grosse GT-Modell, 812 GTS genannt. Dieses Auto belegt ein Segment, das während 50 Jahren unbesetzt war – jenes der Cabriolets der GT-Modelle mit vorne installiertem V12-Längsmotor. Diese Tatsache betonte Galliera, denn schliesslich zählen Vorläufer wie der 250 California (1960), der 330 GTS (1966) und der 1969 auf der Frankfurter IAA enthüllte 365 GTS4, der Daytona Spider, zu den legendären Cabrios mit V12-Motor.
Daneben blickt aber auch das neue, kleinere V8-Mittelmotor-Cabrio auf eine längere Tradition zurück: 1977 kam als Erster der 308 GTS mit demontierbarem Hardtop, es folgten Modelle wie der 208 GTS Turbo (1983), der F355 GTS (1994) und der 360 Spider (2000). Direkte Vorgänger des F8 Spider sind der 488 Spider und der 488 Pista Spider.

Prestigeobjekt Hochdrehzahlmotor
Kaum weniger enthusiastisch als Galliera zeigten sich Technikchef Michael Leiters und Chefdesigner Flavio Manzoni. Auf die beiden Motoren kann Leiters besonders stolz sein. Der mit Schwerpunkt vor der Hinterachse installierte 3.9-Liter-Biturbo-V8, der von 2016 bis 2019 viermal zum International Engine of the Year gekürt wurde, leistet in sei-ner aktuellen Entwicklungsstufe im F8 Spider wie im F8 Tributo 720 PS bei 8000/min und liefert bei 3250/min ein maximales Drehmoment von 770 Nm. Und das, wie Galliera herausstrich, «ohne Turboloch und trotz Otto-Partikelfilter, dessen Integration Nacharbeit bei der Maximalleistung und beim Sound erforderte». Mit dem ungeliebten, verzögerten Ansprechverhalten eines Turbomotors hatte sich Technikchef Leiters dagegen bei der Entwicklung des V12-Aggregates für die Modelle 812 Superfast und 812 GTS nicht herumzuschlagen. Das frei saugende 6.5-Liter-Aggregat arbeitet mit unbehindertem Durchzug in der Brennkammer und liefert seine Maximalleistung arttyisch erst bei extrem hoher Drehzahl: Runde 800 PS sind bei 8500/min verfüg-bar, und auch das maximale Drehmoment von 718 Nm lässt bis zur 7000/min-Marke auf sich warten. Dieses Warten fällt allerdings kaum auf, denn 80 Prozent des Maximalwertes liegen bereits bei 3500/min an – immerhin 575 Nm. In beiden Modellen gelangt die Antriebskraft via Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und Sportdifferenzial auf die Hinterräder – ansehnliche Walzen der Dimension 305/30 ZR 20 im F8 Spider und 315/35 ZR 20 im 812 GTS.

Ein Dach über dem Motor
Coupé oder Cabrio? Das ist bei Ferrari seit Längerem keine Frage mehr: Es muss beides her, denn es gibt die Coupé- und die Cabriokundschaft, zwei Gruppen von Ferrari-Liebhaber mit ziemlich unterschiedlichen Vorlieben.
Das zweiteilige Cabriodach des F8 Spider, ein Retractable Hard Top (RHT), wird vollautomatisiert zwischen der hinteren Klappe und dem Motor verstaut. Öffnen und Schliessen dauern 14 Sekunden – möglich ist das Manöver auch bei fahrendem Auto, sofern die Geschwindigkeit nicht mehr als 45 km/h beträgt. Ähnlich wie im F8 Spider wird auch das RHT-Dach des 812 GTS beim Öffnen unter der Haube mit den zwei Finnen verstaut.

Mit Fahrdynamikhilfen
Hauptzweck der neuen Modelle ist es auch im Fall der beiden Cabrios, mit attraktiven Karosserien, Spitzentechnik und herausragender Fahrdynamik atemberaubende Fahrleistungen zu bieten. Oder, wie Galliera erklärte: «Das Performanceniveau des F8 Spider ist wesentlich höher als jenes des Vorgängers 488 Spider – dank Mehrleistung, Gewichtsreduktion und verbesserter Aerodynamik.» Mit dem System FDE+ (Ferrari Dynamic Enhancer Plus) und der Schräglaufwinkelregelung SSC (Side Slip Control) soll sich das Fahrzeug denn auch gut kontrollierbar leicht quer durch die Kurve bewegen lassen. Natürlich ist auch das Manettino wieder an Bord, mit dem sich das Tempera-ment des Autos variieren lässt. Im 812 GTS steht selbstverständlich ebenfalls ein SSC-System zur Verfügung. Weitere Handling-Unterstützung bietet das V12-Cabrio durch die mitlenkenden Hinterräder – bei Ferrari Virtual Short Wheelbase genannt – und die FPO-Regelung (Ferrari Power Oversteer), die dem Fahrer am Lenkrad Drehmomentimpulse zum Gegenlenken vermittelt. Die 1400 Kilogramm Leergewicht des Mittel-motor-F8 sind im Verhältnis 41.5:58.5 auf Vorder- und Hinterachse verteilt. Beim 812 belasten rund 1600 Kilogramm die Achsen im Verhältnis 47:53. Was das Beschleunigungsvermögen betrifft, sind beide Neuling praktisch gleichauf: Aus dem Stand wird die 100-km/h-Grenze in weniger als drei Sekunden erreicht, und bis 200 km/h vergehen nur wenig mehr als acht Sekunden. Ende Feuer ist jeweils bei gut 340 km/h.

Geld hat man
Selbstverständlich braucht man bei Ferrari über Geld nicht zu sprechen. Das hat man. Beim traditionellen Kunden – Galliera nennt ihn «Ferrari-Connaisseur» – ist es in der Regel in ausreichen-dem Mass vorhanden. Wichtiger ist da schon die Exklusivität: «Man sollte stets ein Auto weniger liefern, als der Markt verlangt», zitierte Galliera den Markengründer Enzo Ferrari. Die Preise für die beiden neuen Cabrio stehen noch nicht fest, ebenso wenig der Auslieferungsbeginn. Geht man aber davon aus, dass der F8 Spider 30 000 bis 32 000 Franken teurer sein wird als der F8 Tributo, ist mit gegen 300 000 Franken zu rechnen. Im Fall des 812 GTS läuft eine vergleich-bare Schätzung auf rund 390 000 Franken hinaus. Und mit ersten Auslieferungen ist wohl erst gegen Ende des kommenden Jahres zu rechnen. Da bleibt nur noch zu hoffen, dass der berauschende Motorensound der beiden Aggregate auf der ersten Probefahrt mit geöffnetem Hardtop dann nicht allzu schnell vom Fahrtwind verweht wird.


Neues Universum

Unmittelbar neben dem Testcircuit Fiorano im gleichnamigen Nachbardorf von Maranello entstand in den vergangenen Monaten ein grosszügig gestaltetes Museum. Das Universo Ferrari, am 2. September eröffnet, beherbergt legendäre klassische und zeitgenössische Strassen- und Rennfahrzeuge der Marke mit dem springenden Pferd. Im Zentrum steht der SF90, das aktuelle F1-Modell, mit dem im laufenden Jahr das 90-jährige Bestehen der Scuderia Ferrari gefeiert wird. In der aktuellen Ausstellung werden mehrere Meilensteine der Marke gezeigt: der LaFerrari (2013), der FXX-K Evo (2017), die Modelle Monza SP1 und SP2 (beide 2018) sowie das ganz neue Hybridmodell SF90 Stradale. Diese Exponate sind unter vielen anderen an den Wochenenden 21./22. September und 28./29. September 2019 für die Öffentlichkeit zugänglich. Ebenfalls möglich sind exklusive Führungen nach Anmeldung bei